Deutscher Gewerkschaftsbund

PM 29 - 13.06.2018

Neuer Report des DGB Bayern – Tarifbindung in Bayern nur noch bei 53 Prozent

Jena: „Die Arbeitgeber müssen endlich wieder ihrer gesellschaftlichen Verantwortung gerecht werden und die organisierte Tarifflucht beenden!“

In Bayern werden nur noch 53 Prozent aller Beschäftigten nach Tarif bezahlt. Damit ist der Freistaat das Schlusslicht unter den westdeutschen Bundesländern, die im Durchschnitt nach wie vor eine Tarifbindung von 59 Prozent aufweisen. Lediglich in Ostdeutschland liegt die Tarifbindung zumeist noch niedriger. Zu diesem Ergebnis kommt der neue Report „Tarifverträge und Tarifflucht in Bayern“ des DGB Bayern, der in Zusammenarbeit mit dem Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung erstellt wurde.

„Die Tarifbindung in Bayern ist im Vergleich zu den anderen westdeutschen Bundesländern in den letzten Jahren besonders stark zurückgegangen“, sagen die Autoren des Reports, Prof. Dr. Thorsten Schulten, Dr. Malte Lübker und Dr. Reinhard Bispinck. „Während seit den 1990er Jahren die Tarifbindung in ganz Deutschland eine rückläufige Tendenz aufweist, war dieser Trend in Bayern zuletzt besonders ausgeprägt.“

Matthias Jena, Vorsitzender des DGB Bayern, betont, dass die geringe Tarifbindung direkte Auswirkungen auf Löhne und Arbeitsbedingungen in Bayern habe: „Beschäftigte in Betrieben ohne Tarifvertrag leben in einem ständigen Zustand der Verunsicherung. Denn der Arbeitgeber bestimmt Arbeitszeit und Gehalt willkürlich. Daher arbeiten die Beschäftigten dort länger und verdienen zugleich deutlich weniger als Beschäftigte in Betrieben mit Tarifvertrag.“

Konkret zeigen die Berechnungen des WSI: Beschäftigte in nicht-tarifgebundenen Unternehmen verdienen im Schnitt 24 Prozent weniger als Arbeitnehmer in Betrieben mit Tarifvertrag. Bereinigt um verschiedene Struktureffekte liegt der Rückstand immer noch bei 9 Prozent. Der Entgeltunterschied betrage Schulten zufolge selbst dann etwa 9 Prozent, wenn Unternehmen angeben, sich an bestehenden Tarifverträgen zu orientieren. „Für die betroffenen Beschäftigten bringt eine unverbindliche Orientierung an Tarifverträgen also in der Regel keine messbaren Entgeltvorteile“, sagt Schulten. Darüber hinaus arbeiten Beschäftigte in nicht-tarifgebundenen Unternehmen im Durchschnitt pro Woche eine Stunde und fünfzehn Minuten länger als Beschäftigte mit tariflich geregelter Arbeitszeit. Auch nach der statistischen Bereinigung verbleibt wöchentliche Mehrarbeit von einer ganzen Stunde.

Jena hebt zudem den gesellschaftlichen Wert von Tarifverträgen hervor: „Mit Tarifverträgen als Ergebnis der Verhandlungen zwischen Gewerkschaften und Arbeitgeberverbänden wird der gesellschaftliche Zusammenhalt gestärkt. Das ist gerade angesichts von Spaltungs- und Ausgrenzungstendenzen in der Gesellschaft ein über Betriebe und Branchen weit hinausreichender zentraler Wert von Tarifverträgen und Tarifbindung.“

Umso wichtiger sei es daher, die Tarifbindung in Bayern wieder zu stärken. Jena sieht hier vor allem die Arbeitgeber und die Staatsregierung in der Pflicht: „Die Arbeitgeber müssen endlich wieder ihrer gesellschaftlichen Verantwortung gerecht werden und die organisierte Tarifflucht beenden. Von der Staatsregierung fordern wir, die Allgemeinverbindlichkeit von Tarifverträgen zu erleichtern und endlich ein bayerisches Tariftreue- und Vergabegesetz auf den Weg zu bringen. Es kann nicht sein, dass die Staatsregierung Tarifflucht fördert, indem staatliche Aufträge prinzipiell immer an den billigsten Anbieter vergeben werden.“ Stattdessen müsse „die Einhaltung eines jeweils repräsentativen Tarifvertrages Grundlage für die öffentliche Vergabe sein“, so Jena.

 

Hintergrund

Der Report „Tarifverträge und Tarifflucht in Bayern“ ist der insgesamt 5. Report des DGB Bayern aus der Arbeitswelt: Bisher erschienen sind die Reporte „Werkverträge in Bayern“, „Prekäre Beschäftigung in Bayern“, „Leiharbeit in Bayern“ und „Arbeiten ohne Ende in Bayern“. Die Ergebnisse des aktuellen Reports basieren zum einen auf neuen WSI-Auswertungen des IAB-Betriebspanels sowie der Verdienststrukturanalyse des Statistischen Bundesamtes. Zum anderen führten die Autoren zahlreiche Expertengespräche mit Vertreterinnen und Vertretern mehrerer DGB-Gewerkschaften in Bayern, die die Grundlagen verschiedener Branchen- und Unternehmensfallstudien bilden.

 

 

Hier kann der vollständige Report herunter geladen werden:

 

 

 


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