Deutscher Gewerkschaftsbund

PM 35 - 25.09.2014

Geplante Gymnasialreform spricht aktuellen sozialen und gesellschaftlichen Entwicklungen Hohn

DGB und GEW Bayern befürchten Abschottung, noch mehr soziale Selektion und verspätete Mittlere Reife

Die geplante Gymnasialreform weist aus Sicht von DGB Bayern und der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) Bayern in die falsche Richtung. Statt mehr Durchlässigkeit zu ermöglichen, droht eine weitere Abschottung des Gymnasiums. Es gibt keine Antworten auf die in Bayern besonders ausgeprägte soziale Selektion. Und Bayern könnte das einzige Bundesland werden, das einem großen Teil der Gymnasiasten die Mittlere Reife erst nach der 11. Klasse verleiht.

„Der CSU-Landtagsfraktion ist kein großer Wurf gelungen“, moniert der Vorsitzende des DGB Bayern, Matthias Jena, in München. „Es soll von allem ein wenig mehr geben: Mittelstufe Plus, Lehrplan Plus, Weiterentwicklung der Gymnasialpädagogik und Ausbau der Ganztagsschulen. Das klingt erstmal gut, wird den aktuellen sozialen und gesellschaftlichen Entwicklungen aber nicht gerecht. Demographischer Wandel und zunehmende soziale Selektion beim Zugang zum bayerischen Gymnasium werden gar nicht erst thematisiert. Die CSU versucht mit ihren Maßnahmen die Debatte um G8 und G9 einzudämmen. Eine umfassende Reform des bayerischen Gymnasiums sieht anders aus.“

„Jetzt wird es wirr“, sagt auch Andreas Hofmann, Vorsitzender der Landesfachgruppe Gymnasium der GEW Bayern: „Die bereits im Modell des Flexibilisierungsjahres gescheiterte Verlängerung der Mittelstufe um ein Jahr soll bei der angekündigten Reform des Gymnasiums das wesentliche Element darstellen. Die vierjährige Mittelstufe am Gymnasium droht zum bayerischen Holzweg zu werden.“
Die Bildung von eigenen Klassen für einen vierjährigen Zug benötigt erheblich mehr Lehrerstunden und ist planerisch sehr aufwändig. Bereits jetzt gibt es durch die verschiedenen Zweige in der Mittelstufe des Gymnasiums eine Aufteilung der Schülerinnen und Schüler. Eine Modellrechnung zeigt, dass die notwendigen Ressourcen für eine extra Klasse in einer vierjährigen Mittelstufe in höchstens vierzügigen Jahrgängen ausreichen, um für alle ein Jahr mehr an schulischer Bildung und Zeit zur Entwicklung zu ermöglichen. Wenn diese zusätzlichen Ressourcen für eine vierjährige Mittelstufe aber nicht zur Verfügung gestellt werden, ist eine Verschlechterung der Lernbedingungen für alle Schüler*innen die Folge.

Die Verlängerung der Mittelstufe könnte außerdem zur Folge haben, dass gerade jenen Schüler*innen die mittlere Reife nach der 10. Klasse verwehrt wird, die am ehesten nach der 10. Klasse andere Bildungswege einschlagen möchten. So verlängert sich der Weg zum allgemeinen Abitur über die Fachoberschule für diese Schüler*innen auf 14 Jahre. Ein solches Angebot ist nicht sinnvoll. Bayern könnte so das einzige Bundesland werden, das deutschlandweit einem großen Teil der Schüler*innen am Gymnasium die Mittlere Reife erst nach der 11.Klasse verleiht.

Dazu Andreas Hofmann: „Ich fordere die Bayerische Staatsregierung auf, in diesem Punkt keinen Alleingang vorzunehmen, sondern die Abstimmung mit den anderen Bundesländern zu suchen. Nur so könnte vermieden werden, dass die Hürden für einen notwendigen Schulwechsel bei einem Umzug nach Bayern oder von Bayern weg nicht noch höher werden.“ 

DGB und GEW Bayern wollen, dass das Gymnasium durchlässiger wird, damit bildungswillige junge Menschen von der Mittel- und Realschule leichter den Weg über das Gymnasium gehen können. „Es darf nicht dabei bleiben, dass das Gymnasium überwiegend nur Schüler*innen abgibt. Es muss stattdessen eine neue Kultur des Aufnehmens geben. Eine Flexibilisierung und Ausweitung der gymnasialen Mittelstufe wäre hier kontraproduktiv. Das würde nur zu einer weiteren, im Endeffekt auch stärkeren sozialen Abschottung des Gymnasiums führen“, sagt Jena.

DGB und GEW fordern, dass die Mittelstufe mit einem mittleren Schulabschluss am Ende der zehnten Jahrgangsstufe endet. Das bietet eine deutlich bessere Anschlussfähigkeit. Jungen Menschen sollten hier Wege geöffnet und nicht verbaut werden.

DGB und GEW fordern ein möglichst einfaches Schulsystem mit größtmöglicher Förderung jedes einzelnen Kindes. Die Schulen müssen so gestaltet werden, dass in der Sekundarstufe I (5. bis 10. Jahrgangsstufe) allen Kindern in sechs Jahren die Grundlagen vermittelt werden können. Dann bleibt die Möglichkeit, in der Oberstufe in zwei Geschwindigkeiten den Weg zum Abitur zu ermöglichen.


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