Deutscher Gewerkschaftsbund

31.10.2018

Streitzeit - Azubis verdienen mehr Zeit!

Ständige Erreichbarkeit, Schichtarbeit und regelmäßige Überstunden sind heute für viele Auszubildende Alltag und stellen für sie zunehmend eine Belastung dar. Das ist eines der zentralen Ergebnisse des „Ausbildungsreport Bayern 2018“ – eine repräsentative Studie zur Ausbildungsqualität im Freistaat, die die DGB-Jugend Bayern in diesem Jahr bereits zum siebten Mal veröffentlicht hat. (Download unter https://bayern.dgb.de/-/2Sj)

Schichtarbeit

Der Schwerpunkt des diesjährigen Reports liegt auf der Arbeitszeit in der Ausbildung. Über ein Fünftel (22,8 Prozent) aller befragten Auszubildenden gab an, regelmäßig im Schichtdienst zu arbeiten. Das betrifft vor allem Hotelfachleute (73,9 Prozent) und VerkäuferInnen (65,1 Prozent). Gerade diese Auszubildenden haben große Schwierigkeiten, Beruf und Privatleben in Einklang zu bringen. Entsprechend ist es wenig überraschend, dass Auszubildende in diesen Berufen seltener sehr zufrieden oder zufrieden mit ihrer Ausbildung sind (66,4 Prozent) als Auszubildende, die nie in Schichtarbeit arbeiten (77,7 Prozent).

Überstunden

Auch die Zahl der Überstunden ist seit Jahren auf konstant hohem Niveau. Hier schneidet Bayern deutlich schlechter als der Bundesdurchschnitt ab. Während bundesweit 36,3 Prozent der Befragten angeben, regelmäßig Überstunden zu machen, sind es im Freistaat 43,9 Prozent. Dabei sind Überstunden laut Berufsbildungsgesetz (BBiG) nicht vorgesehen. Zu viele Betriebe vergessen anscheinend, dass die Ausbildung ein Lernverhältnis ist! Daher muss der § 17 BBiG dahingehend ergänzt werden, dass keine Beschäftigung mehr über die wöchentlich vereinbarte Ausbildungszeit hinausgeht und Schicht- und Wochenendarbeit nur dann zulässig sind, wenn die Ausbildungsinhalte unter der Woche nicht vermittelt werden können – also in absoluten Ausnahmefällen!

Recht auf Nichterreichbarkeit!

Die zunehmende Entgrenzung der Arbeitszeit in der Ausbildung zeigt sich auch darin, dass knapp die Hälfte aller Befragten (49,8 Prozent) auch außerhalb der Ausbildungszeiten erreichbar sein muss. Bei einem Fünftel ist dies sogar „immer“ (8,3 Prozent) oder häufig (11,3 Prozent) der Fall. In der Regel werden diese „Bereitschaftsdienste“ jedoch nicht auf die Ausbildungszeit angerechnet. Die DGB-Jugend Bayern fordert daher, dass die Ausbildungszeit bei jeder Form mobilen Arbeitens erfasst und vergütet wird. Das gilt auch und gerade bei mobiler digitaler Arbeit. Die Ausbildung muss so organisiert sein, dass der geltende Rechtsrahmen für die tägliche Höchstarbeitszeit und die Ruhezeiten nach dem Arbeitszeitgesetz bzw. dem BBiG eingehalten wird. Hierfür braucht es feste Regeln für Zeiten von Nichterreichbarkeit sowie ein Recht auf Nichtreaktion außerhalb der vereinbarten und festgelegten Ausbildungszeit.

 

Entwicklung Überstunden 2012 -2018

43,9 Prozent der befragten Auszubildenden gaben an, regelmäßig Überstunden zu leisten - das ist deutlich mehr als der Bundesdurchschnitt von 36,3 Prozent. Quelle: DGB-Jugend Bayern (Ausbildungsreport Bayern 2018, S. 6)

Schluss mit der Rosinenpickerei!

Geht es nach der Vereinigung der bayerischen Wirtschaft, läuft alles prima. Auszubildende haben so viele Chancen wie noch nie. Ehrlicher aber wäre zu sagen: Jahr für Jahr bleiben tausende Ausbildungsstellen trotz einer hohen Zahl Ausbildungsinteressierter unbesetzt, weil viele Unternehmen in Bayern bei der Auswahl ihrer Auszubildenden Rosinenpickerei betreiben. Da werden junge Menschen, oft die mit einem niedrigeren Bildungsabschluss, als „nicht ausbildungsreif“ bezeichnet und erhalten gar nicht erst die Chance auf einen Ausbildungsplatz. Dabei haben alle jungen Menschen ein Recht auf eine qualitativ hochwertige Ausbildung und somit auf eine gute berufliche Zukunftsperspektive. Vielmehr müssen die Unternehmen an ihrer „Ausbildungsreife“ arbeiten! Ausbildungsreife Unternehmen bieten ihren Auszubildenden eine umfassende Betreuung, sie bezahlen besser und haben allgemein eine höhere Ausbildungsqualität. Nur so können sie die Attraktivität der Ausbildung wieder erhöhen und motivierte Bewerberinnen und Bewerber für die Ausbildung gewinnen.

 

 

Die Streitzeit im PDF-Format zum Download:


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