Deutscher Gewerkschaftsbund

23.06.2017

Streitzeit - Irrweg: Rente mit 70

In der aktuellen Diskussion um die gesetzliche Rentenversicherung spielt die Erhöhung des Renteneintrittsalters auf 70 Jahre oder gar darüber hinaus immer wieder eine Rolle. Bis 2030 wird das Renteneintrittsalter schrittweise auf 67 Jahre erhöht. Aktuell liegt es bei 65 Jahren und 6 Monaten. Doch wer schafft es tatsächlich bis zur Rente erwerbstätig zu sein?

Rentenalter nicht erreicht

Zwar sind die Menschen in den letzten Jahren im Durchschnitt später in die Rente gegangen, allerdings noch immer vor Erreichen des gesetzlichen Renteneintrittsalters: Im Jahr 2015 gingen die Männer in Bayern mit durchschnittlich 63,8 Jahren in die Altersrente, die Frauen mit 64,9 Jahren. Bei den Frauen ist allerdings der Sondereffekt zu berücksichtigen, dass durch die „Mütterrente“ viele ältere Frauen erstmals einen Rentenanspruch haben. Dies führt zu einer Erhöhung des Durchschnittsalters. Fakt ist, dass es viele Menschen nicht schaffen den Renteneintritt gesund und ohne Abschläge zu erreichen.

Brüche im Übergang

Noch immer wechselt eine viel zu hohe Zahl der Älteren nicht aus einer Beschäftigung, sondern aus Krankheit, Arbeitslosigkeit oder Nicht-Erwerbtätigkeit in die Rente. Gerade einmal 39,8 Prozent der Männer und nur 34,7 Prozent der Frauen sind unmittelbar vor Rentenbeginn sozialversicherungspflichtig beschäftigt. Die Chancen, bruchlos in die Rente überzugehen sind je nach Beruf, Qualifikation, Gesundheitszustand, Branche oder Region ganz unterschiedlich. Ein Bauarbeiter scheidet durchschnittlich mit 58 Jahren aus, ein Redakteur schafft es im Schnitt bis zum 63. Lebensjahr. Umso mehr sich die Älteren ihrem Renteneintritt annähern, umso geringer sind ihre Beschäftigungsquoten. In ganz Bayern sind weniger als 10.000 Menschen und damit gerade mal 6,7 Prozent der 65-Jährigen sozialversicherungspflichtig beschäftigt. Sind Ältere erst einmal arbeitslos, gelingt ihnen der Wiedereinstieg deutlich schwerer. Statt ständig einen Fachkräftemangel zu beklagen, sind die Arbeitgeber aufgefordert Älteren eine Chance auf Beschäftigung zu geben.

Sicher in die Rente

Die Brüche zwischen Erwerbsaustritt und Renteneintritt zeigen, dass Lebensarbeitszeitverlängerungen der falsche Fokus sind. Die Zeit vor dem Renteneintritt muss im Zentrum stehen. Viel zu viele stürzen zwischen dem 60. und dem 65. Lebensjahr ab, mit der Folge, dass auf den letzten Metern noch ihre gesamte Lebensleistung für die Rente entwertet wird. Neben alters- und alternsgerechten Arbeitsplätzen in den Betrieben braucht es passende und sozial abgesicherte Übergänge in die Rente.


 

Zugangsalter Altersrenten Bayern

DGB Bayern


Länger leben, länger arbeiten?

Die Anhebung des Renteneintrittsalters allein führt keineswegs dazu, dass in einer Art Automatismus dieses dann tatsächlich auch von der Beschäftigten erreicht werden kann. Ebenso wenig führt eine im Durchschnitt steigende Lebenserwartung automatisch dazu, dass alle Menschen in der Lage sind länger arbeiten zu können. Die Gesundheitschancen zwischen Arm und Reich sind ungleich verteilt: Umso weniger Einkommen einem Menschen zur Verfügung steht, umso geringer seine Qualifikation ist, je schlechter die Lebensbedingungen und je belastender die Arbeit ist, desto höher ist das Risiko zu erkranken oder früh zu sterben. Mehr als jeder Fünfte würde heute eine Rente mit 70 überhaupt nicht erreichen. Anders ausgedrückt: Wer arm ist stirbt auch früher. Die pauschale Annahme, dass die Lebensarbeitszeit beliebig erhöht werden kann, führt in die Irre. Statt einem höheren Rentenalter braucht es ein höheres Rentenniveau und mehr gute und gut entlohnte Arbeit für Jung und Alt.

Die Streitzeit im pdf-Format zum Download:

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