Deutscher Gewerkschaftsbund

PM 46 - 11.10.2019

DGB Bayern legt Expertise zur Situation bayerischer Mittelschüler in Schule und Ausbildung vor

Jena: „Betriebe müssen sich stärker für Mittelschüler öffnen!“

Etwa 200.000 Schülerinnen und Schüler, ca. 30 Prozent eines Jahrganges, besuchen in Bayern eine Mittelschule. Wie es um ihre Lernvoraussetzungen, ihre Lernmotivation, ihre Lebensumstände und ihre beruflichen Zukunftschancen steht, war allerdings bislang wenig bekannt. Antworten darauf bietet die Expertise „Bayerische Mittelschüler*innen auf dem Weg in die Ausbildung“, die das Deutsche Jugendinstitut (DJI) im Auftrag des DGB Bayern erstellt hat.

Im Zentrum der Expertise steht eine Sonderauswertung der Antworten der ca. 400 bayerischen Mittelschüler, die sich an der bundesweiten Längsschnittstudie „Übergangspanel II“ des DJI beteiligt haben. Bei den befragten bayerischen Mittelschülern zeigte sich eine ausgesprochen starke Orientierung auf die berufliche Ausbildung. Denn knapp zwei Drittel (64 Prozent) von ihnen planten, unmittelbar nach dem Schulabschluss eine Berufsausbildung aufzunehmen. Unter den Befragten in anderen Bundesländern waren es hingegen nur 46 Prozent.

„Die bayerischen Mittelschüler sind motiviert und ambitioniert. Eine Distanz zur Schule oder eine Drop-out-Mentalität spielt kaum eine Rolle“, so Dr. Christine Steiner, wissenschaftliche Referentin am DJI und Mitautorin der Expertise. Sie stellt allerdings auch fest: „Knapp jeder Zweite fühlt sich unsicher im Hinblick auf die eigene berufliche Zukunft. Dies hängt jedoch weniger von den schulischen Leistungen ab, sondern vor allem von der privaten Situation der Jugendlichen. Die Unsicherheit schlägt oft in eine Unentschlossenheit in Sachen Berufswahl um, obwohl sich die bayerischen Mittelschülerinnen gut über Ausbildungsmöglichkeiten und Berufe informiert fühlen.“

Für den bayerischen DGB-Vorsitzenden Matthias Jena sind daher Beratungs- und Unterstützungsangebote notwendig, die sowohl die schulische wie auch die persönliche Situation der Schüler in den Blick nehmen: „Ziel muss es sein, die eigenständige Berufswahlkompetenz der Jugendlichen zu stärken. Die Expertise zeigt, dass es nicht ausreicht, über unterschiedliche Berufsfelder zu informieren und auf Bewerbungen vorzubereiten. Vielmehr müssen die Jugendlichen in die Lage versetzt werden, die Chancen und Risiken einer sich rasch wandelnden Arbeitswelt besser beurteilen zu können.“ Hierbei handele es sich Jena zufolge um eine Querschnittsaufgabe, die Schule, Eltern, Betriebe, Agentur für Arbeit und die Sozialpartner einbeziehen müsse.

Um die Grundlagen dafür zu schaffen und einer immer heterogener werdenden Schülerschaft gerecht zu werden, müssen in einem ersten Schritt die Lehr- und Lernbedingungen an den bayerischen Mittelschulen verbessert werden. Um den akuten Lehrermangel endlich zu beenden, fordert der DGB Bayern eine Verbesserung der Bezahlung und Arbeitsbedingungen für Lehrkräfte an Mittelschulen sowie eine Ausweitung der Ausbildungskapazitäten. Darüber hinaus braucht es flächendeckende Unterstützung durch Schulpsychologen und Sozialarbeiter sowie eine bessere räumliche und materielle Ausstattung an allen Schulen.

Die Expertise des DJI zeigt, dass die Perspektiven für Mittelschüler auf dem bayerischen Ausbildungsmarkt insgesamt besser sind als die von Jugendlichen mit Hauptschulabschluss in anderen Bundesländern. Für den DGB Bayern ist das allerdings kein Grund, sich zufrieden zurückzulehnen. Denn obwohl die Lage vergleichsweise gut ist und viele Betriebe über einen Mangel an Bewerbern und Fachkräften klagen, geht der Anteil der Anfänger mit Hauptschulabschluss im dualen Ausbildungssystem auch in Bayern seit Jahren zurück. Jungen Frauen und Menschen mit Migrationshintergrund fällt der direkte Einstieg besonders schwer. Zudem verfügen über die Hälfte derjenigen, die statt einer Ausbildung zunächst berufsvorbereitende Maßnahmen im sogenannten „Übergangssektor“ beginnen, bereits über einen Hauptschul- oder sogar einen mittleren Abschluss.

Dazu stellt Matthias Jena fest: „Zahlreiche Ausbildungsberufe bleiben Mittelschulabsolventen faktisch verschlossen. Die Betriebe dürfen sich nicht länger darauf beschränken, über Fachkräftemangel und die angeblich unzureichende ‚Ausbildungsreife‘ mancher Bewerber zu klagen, sondern müssen sich stärker für Mittelschüler öffnen. Förder- und Unterstützungsangebote für Auszubildende und Betriebe, wie zum Beispiel die Assistierte Ausbildung und Ausbildungsbegleitende Hilfen, müssen weiterentwickelt und auf weitere Zielgruppen ausgeweitet werden. Auch im ländlichen Raum müssen umfassende und gut erreichbare, auf den jeweiligen Bedarf der Auszubildenden abgestimmte Angebote zur Verfügung stehen.“

Für alle Ausbildungsinteressierten, die zwei Monate nach Beginn des jeweiligen Ausbildungsjahres noch keinen betrieblichen Ausbildungsplatz gefunden haben, fordert der DGB Bayern die Garantie eines qualitativ hochwertigen Ausbildungsplatzes an einer berufsbildenden Schule oder bei einem außerbetrieblichen Bildungsträger. Ziel müsse laut Jena aber stets der Übergang in eine betriebliche Ausbildung bleiben.

Diejenigen, die den Einstieg in das duale System schaffen, konzentrieren sich auf wenige Ausbildungsberufe: Bei den jungen Männern mit Hauptschulabschluss entfielen 2017 48,1 Prozent der Ausbildungsanfänger auf nur zehn Berufe, bei den jungen Frauen waren es sogar 77,5 Prozent. Der Anteil der vor Ablauf der Vertragslaufzeit gelösten Ausbildungsverträge („Lösungsquote“) lag in den meisten dieser Ausbildungsberufen über dem bayerischen Durchschnitt. Viele dieser Ausbildungsberufe standen zugleich auf der Top 10-Liste der Berufe, in denen im Berichtsjahr 2017/2018 Ausbildungsplätze in Bayern am häufigsten unbesetzt blieben.

Mit Blick auf die hohen Vertragslösungsquoten in Ausbildungsberufen, in denen viele Mittelschüler*innen vertreten sind, fordert Jena: „Die Ausbildungsbedingungen in manchen Berufen und Branchen müssen deutlich verbessert werden, um Abbrüche zu vermeiden und sicherzustellen, dass die Jugendlichen eine hochwertige Berufsausbildung erhalten. In Betrieben, die mehr in die Ausbildung und ihre Auszubildenden investieren, sind die Lösungsquoten deutlich geringer. Die Frage der Ausbildungsqualität muss ins Zentrum der Diskussion rücken und auch bei der Reform des Berufsbildungsgesetzes stärker berücksichtigt werden, als es der Gesetzentwurf der Bundesregierung bislang vorsieht.“

Abschließend stellt Jena fest: „Kein junger Mensch darf auf der Strecke bleiben. Es kann nicht sein, dass, der Anteil der Jugendlichen, die am Ende ihre Schulpflicht keinen Schulabschluss erworben haben, wieder steigt. Jeder Jugendliche ohne Abschluss ist einer zu viel. Dies gilt selbstverständlich auch für junge Erwachsene ohne formalen Berufsabschluss sowie für Geflüchtete, für deren gesellschaftliche Integration der Zugang zu Schule und Ausbildung zentral ist. Sie alle brauchen Unterstützung und Förderung, die auf ihre individuelle Situation abgestimmt ist, flächendeckend verfügbar ist und möglichst früh ansetzt. Für den DGB Bayern steht fest: Der Bildungserfolg darf nicht vom Wohnort, familiären Hintergrund, Geschlecht oder der Nationalität abhängen.“

 

Hier kann der vollständige Report herunter geladen werden:


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