Deutscher Gewerkschaftsbund

25.03.2020

Streitzeit - Corona-Krise = Care-Krise

Am 29. Februar 2020 fand der 3. Frauengipfel des DGB Bayern am bundesweiten Equal Care Day statt. Die Auswirkungen der oftmals unsichtbaren und unbezahlten, aber dennoch unverzichtbaren Fürsorgearbeit standen dabei im Mittelpunkt. Die Festlegung auf diesen Tag war bewusst gewählt, weil Care-Arbeit meistens nicht wahrgenommen wird.

Ausnahmezustand

Rund drei Wochen später befinden wir uns aufgrund der Corona-Krise im Ausnahmezustand. Lernen mit den Kindern, Rundum-Betreuung, Erwerbsarbeit, Arbeiten im Home-Office – wie das alles gewährleistet werden kann, ist ein Rätsel. Die Corona-Krise ist auch eine Care-Krise. Denn jetzt, da die Betreuung durch Kita und Schule wegfällt, zeigt sich noch deutlicher, dass unbezahlte Care-Arbeit meist auf den Schultern der Frauen abgeladen wird.

Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf war und ist für viele Frauen mangels ausreichender Betreuungsstruktur oft nur möglich, weil sie auch Unterstützung im privaten Umfeld hatten, z.B. durch die Großeltern. Aber auch diese Option bricht nun schlagartig weg, weil die Großeltern zur Hochrisikogruppe der Pandemie gehören und selbst Betreuung benötigen.

Care-Arbeit ist systemrelevant!

Das gewohnte Erwerbsleben ist derzeit aus dem Takt geraten. Und Home-Office ist ein Privileg, das nicht alle umsetzen können. Mit voller Härte trifft die Pandemie vor allem die Menschen aus Branchen mit eher niedrigem Einkommen, und meistens sind das Frauen, z.B. Reinigungskräfte, Verkäuferinnen und allen voran die Pflegekräfte. Zwar gilt ihre Arbeit nun als „systemrelevant“,  an der viel zu niedrigen Entlohnung von beruflicher Care-Arbeit hat sich aber noch immer nichts geändert. Ein „Corona-Aufschlag“ für all diejenigen, die in dieser Situation alles für unsere Gesellschaft geben, wäre das Mindeste.

Jedes Jahr zum Equal Pay Day wird Frauen signalisiert, dass sie selbst schuld seien am „Gender Pay Gap“, weil sie zu schlecht entlohnte soziale und erzieherische Berufe ergreifen, statt Karriere in gut bezahlten Berufen zu machen. Gerade jetzt zeigt sich aber, dass Wirtschaft und Gesellschaft nicht ohne die unbezahlte und berufliche Care-Arbeit funktionieren, die noch immer mehrheitlich von Frauen erledigt wird.

Dank allein reicht nicht

Immerhin erfahren die Menschen, die den Laden derzeit am Laufen halten, die verdiente Wertschätzung. Dank und Lob allein reichen aber nicht aus. Es wird Zeit, dass Politik und Arbeitgeber diese Wertschätzung endlich mit konkreten Maßnahmen untermauern. Eine höhere Tarifbindung gerade in den Branchen, in denen überwiegend Frauen arbeiten, gehört zwingend dazu. Denn vor allem auch im Gehalt muss sich die „Systemrelevanz“ dieser Berufe endlich widerspiegeln. Zudem ist es überfällig, familienfreundliche Arbeitsmodelle flächendeckend zu etablieren. Das hilft dabei, Haus- und Sorgearbeit besser zwischen Männern und Frauen zu verteilen. 

 

Gender Pay Gap nach Berufen

WSI-Lohnspiegel-Datenbank

Aufwerten muss sein!

Auch die berufliche Care-Arbeit in Deutschland wird zu über 80 Prozent von Frauen geleistet, in Kindertagesstätten, Grundschulen, ambulanten Pflegediensten, Krankenhäusern, Pflegeheimen oder auch im Reinigungsgewerbe. Noch nie standen diese Berufsgruppen so sehr im Mittelpunkt wie in der derzeitigen Corona-Krise. Aber auch noch nie zeigte sich so deutlich, dass ihr Wert für die Gesellschaft und der Lohn für ihre Leistung in einem krassen Missverhältnis stehen.

Denn Menschen, die sich für einen Care-Beruf entschieden haben, verdienen im Vergleich zu männerdominierten technischen Berufen viel weniger. Und das, obwohl z.B. eine Hilfskraft in der Pflege von den Anforderungen und Belastungen her selbst in Nicht-Krisenzeiten so viel leistet wie ein Elektroingenieur. Sie erhält jedoch nur 40 Prozent seines Stundenlohns. Wir brauchen also schnellstens eine materielle Aufwertung der Care-Berufe – die Stärkung der Tarifbindung in den betroffenen Branchen wäre ein erster wichtiger Schritt.

 Die Streitzeit im PDF-Format zum Download:

Die DGB Frauen Oberpfalz verteilten am Internationalen Frauentag Rosen an Mitarbeiterinnen in Care-Berufen und zeigten so ihre Wertschätzung:


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