Deutscher Gewerkschaftsbund

18.05.2020

Streitzeit: Kurzarbeit - Sozialer Ungleichheit gegensteuern

Gut, dass es Kurzarbeit als Instrument der Beschäftigungssicherung in Krisenzeiten gibt. Darüber sind sich alle einig. Weniger Einigkeit gibt es allerdings über die materielle Seite der Kurzarbeit und die daraus resultierenden Ungleichheiten. Hierzu hat die Hans-Böckler-Stiftung aktuell knapp 8.000 Beschäftigte befragt. Die Ergebnisse zeigen, dass die Pandemie die soziale Spaltung weiter vergrößern kann, falls nicht gegengesteuert wird.

Fakten

14 Prozent, der zwischen dem 3. und dem 14. April Befragten in abhängiger Beschäftigung gaben an, derzeit in Kurzarbeit zu sein. Hochgerechnet auf die Gesamtzahl der Beschäftigten, wären aktuell ca. vier Millionen Beschäftigte in Kurzarbeit. Dabei sind diejenigen mit niedrigen Einkommen häufiger in Kurzarbeit als Beschäftigte mit höherem Lohn. Rund ein Drittel der Befragten gab an, dass ihr Arbeitgeber das Kurzarbeitergeld aufstockt, 52 Prozent bekommen keine Aufstockung, der Rest wusste es (noch) nicht.

Die Befragung zeigt auch deutlich, wie ernst die Sorgen der Beschäftigten in Kurzarbeit ohne Aufstockung sind. So gaben 40 Prozent der Befragten an, finanziell maximal drei Monate durchhalten zu können. Darüber hinaus kommen vor allem Geringverdienende mit dem reduzierten Haushaltseinkommen nicht zurecht.

Tarifverträge schützen!

Auch bei Kurzarbeit schützen Tarifverträge! Die DGB-Gewerkschaften konnten bereits in knapp zwei Dutzend Branchen und Großbetrieben tarifvertragliche Aufstockungen des Kurzarbeitergeldes durchsetzen. Und die Erhebung zeigt, dass Beschäftigte, die in  einem Unternehmen mit Tarifvertrag arbeiten, mehr als doppelt so häufig (45 Prozent) eine Aufstockung des Kurzarbeitergeldes erhalten wie Beschäftigte, die nicht nach einem Tarifvertrag bezahlt werden (19 Prozent).

Kein Zurück in alte Rollenmuster!

Neben den finanziellen Auswirkungen droht aufgrund der  Corona-Pandemie auch eine Verfestigung der alten Rollenmuster zwischen Männern und Frauen. Während Männer und Frauen ähnlich oft von Kurzarbeit betroffen sind, haben deutlich mehr Frauen ihre Arbeitszeit reduziert. Leben Kinder im Haushalt, übernehmen ganz überwiegend Frauen die Betreuungsarbeit.

All dies zeigt, wie unterschiedlich Beschäftigte in beruflich und wirtschaftlich schwierigen Situationen auch materiell abgesichert sind. Ohne Gegensteuerung verschärfen sich die seit Jahrzehnten bekannten Ungleichheiten am deutschen Arbeitsmarkt weiter. Nach milliardenschweren Rettungsschirmen für die deutsche Wirtschaft braucht es nun Maßnahmen, die einer weiteren Spaltung der Gesellschaft entgegenwirken. Arbeit muss angemessen entlohnt, Arbeitsbedingungen müssen verbessert werden – auch und gerade in Krisenzeiten. Und am besten geht das mit Tarifverträgen!

 

Die Situation von Erwerbspersonen in Zeiten von Corona

Hans-Böckler-Stiftung

Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg

In Deutschland liegt das gesetzliche Kurzarbeitergeld bei 60 bzw. 67 Prozent des Nettogehaltes. Die Anpassungen, die die Große Koalition nun beschlossen hat, reichen bei weitem nicht aus.

Wer mindestens 50 Prozent seiner Arbeitszeit in Kurzarbeit ist, erhält zukünftig ab dem 4. Monat 70 (mit Kindern 77) Prozent und ab dem 7. Monat 80 (mit Kindern 87) Prozent Kurzarbeitergeld. Das liest sich auf den ersten Blick gut, schafft aber keine ausreichende Entlastung. Viele Beschäftigte können nicht monatelang auf Unterstützung warten. Ohne eine sofortige Erhöhung des Kurzarbeitergeldes auf mindestens 80 bzw. 87 Prozent werden viele Beschäftigte ergänzende Leistungen nach Hartz IV beantragen müssen.

Das kann und darf nicht die Lösung sein. Ein Blick nach Europa zeigt, dass es auch anders geht – es muss nur politisch gewollt sein!


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