Vom „Volkshaus Paradiesgarten“ zum Gewerkschaftshaus Regensburg: Seit einem Jahrhundert organisieren Beschäftigte hier Widerstand gegen Ausbeutung, kämpfen für Mitbestimmung und verteidigen soziale Rechte. Beim Festakt zum Jubiläum machte der DGB deutlich: Die Geschichte dieses Hauses ist nicht abgeschlossen – sie wird weitergeschrieben. Eine Publikation zeichnet die Geschichte des Hauses und der Regensburger Gewerkschaften nach.
Die DGB Region Oberpfalz hat am Donnerstag, 21. Mai 2026, das 100-jährige Bestehen des Regensburger Gewerkschaftshauses gefeiert. Das damalige „Volkshaus Paradiesgarten“ wurde am 1. Mai 1926 in der damaligen Ostendorferstraße – heute Richard-Wagner-Straße 2 – eröffnet. Rund ein Jahrhundert später erinnerten Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter gemeinsam mit Vertreterinnen und Vertretern aus Politik, Stadtgesellschaft und befreundeten Organisationen an die bewegte Geschichte dieses bayernweit einzigartigen Hauses. Musikalisch begleitet wurde der Abend von Ronja Künstler mit Liedern der Arbeiter*innenbewegung.
Ein Haus der Arbeiter*innenbewegung
In seiner Begrüßung bekräftigte Christian Dietl, Regionsgeschäftsführer des DGB Oberpfalz, den hohen politischen Symbolgehalt des Regensburger Gewerkschaftshauses:
„Für uns Gewerkschaften ist es mehr als ein Gebäude. Es ist der mitten in der Stadt platzierte Anspruch der organisierten Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, ihre Interessen zu vertreten und diese Gesellschaft mitzugestalten.“
Dietl verwies darauf, dass das Haus die dunkelste Zeit der deutschen Geschichte überdauert habe und nach 1945 erneut zur Heimat der freien Gewerkschaften geworden sei. „Wer in dieses Haus kommt, betritt einen Ort, an dem 100 Jahre lang für gute Arbeits- und Lebensbedingungen und eine solidarische Demokratie gestritten wurde – und an dem auch in den nächsten 100 Jahren dafür gestritten wird."
Stadt und Gewerkschaften erinnern an historische Verantwortung
Für die Stadt Regensburg sprach Oberbürgermeister Dr. Thomas Burger ein Grußwort. Er würdigte die Rolle des Hauses als festen Bestandteil des politischen und sozialen Lebens der Stadt:
„Das Volkshaus Paradiesgarten ist seit 100 Jahren ein Ort, an dem die Interessen arbeitender Menschen vertreten werden. Eine demokratische Stadtgesellschaft braucht starke Gewerkschaften.“
Burger erinnerte auch an die dunkle Geschichte des Hauses: 1933 wurde es von der SA besetzt und in „Horst-Wessel-Haus“ umbenannt. Erst nach 1945 konnte es wieder seiner ursprünglichen Bestimmung übergeben werden. Dass heute erneut freie Gewerkschaftsarbeit in diesen Räumen stattfindet, sei auch ein Auftrag, Demokratie und soziale Rechte entschlossen zu verteidigen.
Weitere Grußworte sprachen Bernhard Stiedl, Vorsitzender des DGB Bayern, Eva-Maria Weimann, stellvertretende Vorsitzende der BayernSPD, Bernhard Feuerecker, Bezirksvorsitzender der AWO Niederbayern/Oberpfalz, sowie Dieter Gross von den Naturfreunden Regensburg.
Körzell: „Der Acht-Stunden-Tag wird verteidigt“
Die Festrede hielt Stefan Körzell, stellvertretender Vorsitzender des Deutschen Gewerkschaftsbundes. Mit Blick auf aktuelle Debatten um längere Arbeitszeiten fand Körzell klare Worte:
„Der Acht-Stunden-Tag wurde nicht geschenkt. Er wurde von Arbeiterinnen und Arbeitern hart erkämpft – von denselben Menschen, die wenige Jahre später dieses Haus eröffnet haben. Wer heute versucht, diese Errungenschaft infrage zu stellen, greift die sozialen Kämpfe ganzer Generationen an. Wir werden uns jeder Aufweichung des Arbeitszeitgesetzes entschieden entgegenstellen.“
Körzell warnte vor den gesundheitlichen und sozialen Folgen längerer Arbeitszeiten und machte deutlich, dass Flexibilität nicht zulasten der Beschäftigten gehen dürfe. Der DGB werde gemeinsam mit seinen Mitgliedsgewerkschaften jede Verschlechterung beim Arbeitszeitgesetz bekämpfen.
Jubiläumspublikation zeichnet Hausgeschichte nach
Ein Höhepunkt des Abends war die Vorstellung der Jubiläumspublikation „100 Jahre Volkshaus Paradiesgarten / Gewerkschaftshaus Regensburg“. Der Regensburger Historiker Rainer Ehm zeichnet darin erstmals umfassend die Geschichte des Hauses und der Regensburger Arbeiter*innenbewegung nach.
Ehm betonte die Bedeutung eigener Räume für die Gewerkschaften:
„Vor dem Erwerb dieses Hauses war die Arbeiterbewegung auf Hinterzimmer und Wirtshäuser angewiesen – abhängig von Wirten und Brauereibesitzern. Mit dem Volkshaus entstand erstmals ein eigener, freier und würdiger Ort für gewerkschaftliche Organisation.“
Besonders eindringlich schilderte Ehm die Ereignisse des Jahres 1933: Bereits am 9. März wurde das Haus von den Nationalsozialisten besetzt, am 2. Mai folgte die gewaltsame Zerschlagung der freien Gewerkschaften durch die SA. „Dieses Haus erzählt hundert Jahre deutscher Geschichte – mit allen Brüchen, Kämpfen und Erfahrungen der Arbeiterbewegung“, so Ehm.
Mit der Publikation legt die DGB Region Oberpfalz erstmals eine geschlossene Darstellung der Geschichte des Hauses vor. Die Publikation richtet sich an Gewerkschafter*innen, historisch Interessierte und die Regensburger Stadtgesellschaft gleichermaßen und kann hier digital abgerufen werden:
100 Jahre Regensburger Volkshaus Paradiesgarten | Gewerkschafshaus
Bildnachweis: Matthias Jobst