Am 23. April 2026 fand in Regensburg zum wiederholten Mal der Gedenkweg für die Opfer des Faschismus statt. Die Veranstaltung, die jährlich an den Todesmarsch aus dem KZ-Außenlager Colosseum im April 1945 erinnert, führte die Teilnehmerinnen und Teilnehmer an sechs historisch bedeutsame Orte der Regensburger Innenstadt. Begleitet wurde das Gedenken von einem breiten Bündnis aus zivilgesellschaftlichen Initiativen, Religionsgemeinschaften, politischen Organisationen und Gewerkschaften.
Der Gedenkweg begann um 18.00 Uhr am Stadtamhof, dem Standort des ehemaligen KZ-Außenlagers Colosseum. Von hier aus führte er die Teilnehmenden zum Westportal des Doms, wo an den Domprediger Dr. Johann Maier und weitere Opfer rechter Gewalt erinnert wurde, die im April 1945 für ihr Eintreten für eine kampflose Übergabe der Stadt ermordet wurden. Weitere Stationen waren die Synagoge, an der der rund 400 Regensburger Jüdinnen und Juden gedacht wurde, von denen an die 250 ermordet wurden, sowie der Georgenplatz, an dem die Zeugen Jehovas den christlich motivierten Widerstand gegen das NS-Regime in Erinnerung riefen. Am Dachauplatz erinnerte die VVN-BdA abschließend an die Frauendemonstration für die kampflose Übergabe Regensburgs und an alle Opfer des Faschismus.
Station Neupfarrplatz: Ein Ort der Auslöschung, der Verdrängung und des Widerstands
Die Station am Neupfarrplatz wird seit vielen Jahren vom DGB-Kreisvorstand Regensburg gestaltet. Die Rede hielt Katja Ertl, Regionssekretärin des DGB Oberpfalz und stellvertretende Vorsitzende des DGB Kreisvorstands Regensburg. Sie erinnerte daran, dass der Neupfarrplatz weitgehend dem Gebiet des mittelalterlichen jüdischen Viertels entspricht, dessen Existenz seit 1020 dokumentiert ist und dessen erste Spuren sogar bis ins Jahr 981 zurückreichen. Nach dem Tod Kaiser Maximilians I. beschloss der Rat der Stadt 1519 die Vertreibung der Jüdinnen und Juden; Synagoge und fast alle Häuser wurden zerstört.
Ertl machte deutlich, warum dieser Ort aus gewerkschaftlicher Sicht eine zentrale Bedeutung hat:
„Wir stehen heute nicht auf irgendeinem Platz. Wir stehen auf einem Platz, in dem sich die Geschichte dieser Stadt eingeschrieben hat. Und wir stehen auf einem Platz, der uns etwas abverlangt: Erinnerung, Klarheit und Haltung.“
Die Rednerin verwies darauf, dass der Neupfarrplatz nicht nur für die mittelalterliche Vertreibung steht, sondern auch für die Bücherverbrennung am 12. Mai 1933 – sowie für den Widerstand gegen den Nationalsozialismus. 1942/43 bildete sich hier die sogenannte Neupfarrplatzgruppe, eine politisch gemischte Widerstandsgruppe, die von der Gestapo brutal zerschlagen wurde. Einer ihrer Köpfe, Josef Bollwein, wurde 1943 im KZ Flossenbürg ermordet. Ertl betonte:
„Wenn wir hier als Gewerkschaften sprechen, dann erinnern wir auch an diese Menschen, die Mut bewiesen haben, als Mut lebensgefährlich war. Für uns als DGB ist das keine Folklore des Erinnerns. Das ist ein Auftrag.“
Klare Worte gegen wachsenden Antisemitismus
Einen breiten Raum nahm in der Rede die aktuelle Entwicklung ein. Ertl verwies auf die Dokumentation des Bundesverbandes RIAS, wonach 2024 bundesweit 8.627 antisemitische Vorfälle erfasst wurden – ein Anstieg um fast 77 Prozent gegenüber dem Vorjahr, darunter 284 Vorfälle an Schulen und 1.978 im Internet. Antisemitismus, so Ertl, sei weder ein Randphänomen noch ein Problem der Vergangenheit:
„Er beginnt früher. Er beginnt da, wo Jüdinnen und Juden wieder zu Schuldigen gemacht werden. Er beginnt da, wo Verschwörungserzählungen geglaubt werden. Und er wächst da, wo die Gesellschaft müde wird, zu widersprechen.“
Aus gewerkschaftlicher Perspektive sei die Konsequenz eindeutig: Solidarität sei unteilbar, soziale Gerechtigkeit ohne den Schutz von Minderheiten nicht denkbar. Die Rede schloss mit einem klaren Bekenntnis:
„Nie wieder ist keine Floskel. Nie wieder ist ein Arbeitsauftrag. Nie wieder ist ein politischer Auftrag. Nie wieder ist ein gewerkschaftlicher Auftrag. Wir erinnern. Wir widersprechen. Wir stehen an der Seite jüdischen Lebens.“
Der DGB Regensburg wird die Arbeit gegen Antisemitismus, Rechtsextremismus und jede Form gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit auch über den Gedenkweg hinaus fortsetzen. Die nächste größere Gedenkveranstaltung des DGB Regensburg findet am 7. Mai 2026 ab 18.30 Uhr im Gewerkschaftshaus in der Richard-Wagner-Straße 2 statt – anlässlich des Tages der Befreiung am 8. Mai.
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