Deutscher Gewerkschaftsbund

PM 51 - 19.11.2020

Neuer DGB-Report zeigt: Knapp eine Million Beschäftigte in Bayern arbeiten im Niedriglohnsektor

Jena: „Hier ist ein Tatort entstanden, der den betroffenen Menschen Perspektiven auf ein gutes Leben raubt.“

Im Jahr 2018 waren in Bayern rund 963.000 abhängig Beschäftigte zu einem Lohn unterhalb der bundesweiten Niedriglohnschwelle von 11,21 Euro beschäftigt. Damit beträgt das Niedriglohnrisiko in Bayern 16,9 Prozent, deutschlandweit sind gar 21,8 Prozent der Beschäftigten im Niedriglohnsegment tätig. Zu diesen Ergebnissen kommt der neue Report „Tatort Niedriglohn in Bayern“, den der DGB Bayern in Zusammenarbeit mit der Forschungsabteilung Flexibilität und Sicherheit am Institut Arbeit und Qualifikation (IAQ) erstellt hat.

„Besonders hoch ist das Niedriglohnrisiko in Bayern für Beschäftigte in einem Minijob (knapp 70 %), gering Qualifizierte (38,2 %), Jüngere unter 25 Jahren (37,1 %) sowie Beschäftigte aus Kleinunternehmen mit weniger als 20 Beschäftigten (knapp 34 %)“, sagt Dr. Claudia Weinkopf, Leiterin der Forschungsabteilung Flexibilität und Sicherheit am IAQ und Mitautorin des Reports. Ebenso hätten Frauen in Bayern ein überdurchschnittliches Niedriglohnrisiko von 24,6 Prozent. „Daher sind Frauen im bayerischen Niedriglohnsektor mit 71,2 Prozent auch deutlich überrepräsentiert, während nur 28,8 Prozent der Niedriglohnbeschäftigten männlich sind“, betont Weinkopf. Im europäischen Vergleich, etwa zu Ländern wie Schweden, Belgien, Finnland und Frankreich, die allesamt einen Niedriglohnanteil von teils deutlich unter 10 Prozent aufweisen, sei das Niedriglohnrisiko in Deutschland und Bayern „eher als hoch einzuschätzen“, so Weinkopf.

Angesichts dieser Ergebnisse sieht Matthias Jena, Vorsitzender des DGB Bayern, dringenden Handlungsbedarf: „Unser Report zeigt ganz klar auf, dass auch in Bayern ein Tatort entstanden ist, der den betroffenen Menschen Perspektiven auf ein gutes Leben raubt und zur Spaltung unserer Gesellschaft beiträgt. Dies gilt es umzukehren. Wir brauchen wieder ein Mehr an Guter Arbeit“, so Jena.

Dafür müsse laut Jena die Tarifbindung im Freistaat wieder gestärkt werden: „Die Ausprägung des Niedriglohnsektors hängt stark mit der Tarifbindung zusammen. Während das Niedriglohnrisiko der Beschäftigten ohne Tarifbindung 2018 in Bayern bei 21,1 Prozent lag, galt dies für nur 8,1 Prozent der Beschäftigten mit Tarifbindung. Um den Niedriglohnsumpf ein Stück auszutrocknen, brauchen wir in Bayern endlich ein Tariftreue- und Vergabegesetz. Wir erwarten von der Staatsregierung und auch von den Kommunen, dass sie öffentliche Aufträge nur an Unternehmen vergeben, die auch Tarifverträge anwenden“, betont Jena.

Verena Di Pasquale, stellvertretende Vorsitzende des DGB Bayern, fordert aufgrund der hohen Überschneidung zwischen der Erwerbsform Minijob und dem Niedriglohnsektor einen schnellstmöglichen Ausstieg aus dem Minijobsystem: „Die Vorschläge des DGB hierfür liegen schon lange vor. Es geht darum, dass jede Arbeit vom ersten Euro an sozialversicherungspflichtig ist. Der völlig falsche Weg wäre es, die Einkommensgrenzen weiter anzuheben. Nicht zuletzt die Corona-Pandemie hat verdeutlicht, wie mangelhaft die soziale Absicherung dieser Beschäftigungsform ist, sowohl im Hier und Jetzt als auch im Alter. Es entstehen keinerlei Ansprüche an die Arbeitslosenversicherung. Auch Kurzarbeitergeld ist somit ausgeschlossen“, so Di Pasquale.

Darüber hinaus ist Di Pasquale die hohe Betroffenheit von Alleinerziehenden im Niedriglohnsektor ein Dorn im Auge: „Für Alleinerziehende mit minderjährigen Kindern ist das Niedriglohnrisiko in Bayern mit 40,2 Prozent besonders hoch – und es ist auch deutlich höher als in Westdeutschland (31,8 %). Ziel muss es sein, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu stärken. Hierzu muss das Rückkehrrecht von Teilzeit auf Vollzeit ausgeweitet werden und für alle Beschäftigten unabhängig von der Betriebsgröße gelten. Zudem sind die Betreuungsangebote in Bayern quantitativ und qualitativ weiter zu verbessern“, so Di Pasquale abschließend.

Hintergrund

Der Report „Tatort Niedriglohn in Bayern“ ist der insgesamt 6. Report des DGB Bayern aus der Arbeitswelt: Bisher erschienen sind die Reporte „Werkverträge in Bayern“, „Prekäre Beschäftigung in Bayern“, „Leiharbeit in Bayern“, „Arbeiten ohne Ende in Bayern“ und „Tarifverträge und Tarifflucht in Bayern“.

Den Report "Tatort Niedriglohn in Bayern" können Sie hier herunterladen.


Nach oben

Themenverwandte Beiträge

Pressemeldung
Soziales Netz Bayern fordert mehr soziale Gerechtigkeit in Bayern
Durch die pandemiebedingte Ausnahmesituation sind bereits bestehende soziale Verwerfungen noch deutlicher zu Tage getreten oder verschärft worden. Das „Soziale Netz Bayern“ – ein Bündnis aus 16 Verbänden, Sozialorganisationen und Institutionen – fordert daher in einer gemeinsamen Erklärung die politischen Entscheidungsträger zum Handeln auf. Zur Pressemeldung
Artikel
Streitzeit: Alles Corona, oder was?
In Zeiten von Corona zeigen sich die sozialen Spaltungen wie in einem Brennglas, die Ungleichheit nimmt zu. Arbeitgeber und (neoliberale) Politik nutzen die aktuelle Situation für Attacken auf Beschäftigte und Sozialstaat. Was dem entgegenzusetzen ist, lest ihr in der neuesten Ausgabe der Streitzeit. weiterlesen …
Pressemeldung
DGB Bayern fordert Entlastungen für Minijobbende
Matthias Jena: „Ein Minijob ist ein prekäres Beschäftigungsverhältnis, das deutlich schlechter entlohnt wird und häufig nicht die Lebenshaltungskosten deckt. Mit einem Wegfall der Sozialversicherungsbeiträge ist es daher nicht getan.“ Zur Pressemeldung

RSS-Feed

Subscribe to RSS feed
Pressemitteilungen des DGB Bayern