Attestpflicht ab Tag eins: DGB Bayern fordert Ende der Zwei-Klassen-Medizin
Stiedl: „Wer ein Attest verlangt, muss auch einen verlässlichen Zugang zur ärztlichen Versorgung sicherstellen.“
Die anhaltende Debatte über die geplante Abschaffung der telefonischen Krankschreibung und eine Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag legt aus Sicht des DGB Bayern einen grundlegenden Widerspruch offen: Beschäftigte sollen ihre Erkrankung künftig früher ärztlich nachweisen, während gesetzlich Versicherte bei der Terminvergabe gegenüber Privatversicherten häufig das Nachsehen haben.
„Wer ein Attest ab dem ersten Krankheitstag verlangt, muss auch einen verlässlichen Zugang zur ärztlichen Versorgung sicherstellen“, erklärt Bernhard Stiedl, Vorsitzender des DGB Bayern. „Neue Nachweispflichten dürfen nicht dazu führen, dass ausgerechnet gesetzlich versicherte Beschäftigte zusätzlich unter Druck geraten.“ Wie verbreitet solche Erfahrungen sind, zeigt eine forsa-Umfrage im Auftrag der AOK Bayern aus dem Jahr 2025. Demnach gaben 61 Prozent der befragten gesetzlich Versicherten an, bereits erlebt zu haben, bei der Terminvergabe gegenüber Privatversicherten benachteiligt worden zu sein.
Für den DGB Bayern zeigt sich darin ein grundlegendes Problem des dualen Krankenversicherungssystems. Um die Zwei-Klassen-Medizin zu überwinden, braucht es eine solidarische Bürgerversicherung, in die alle einbezogen werden und entsprechend ihrer Leistungsfähigkeit einzahlen. Die beschlossene zusätzliche Anhebung der Beitragsbemessungsgrenze ab 2027 weist dabei in die richtige Richtung, kann eine grundlegende Strukturreform jedoch nicht ersetzen. „Wer mehr verdient, kann auch mehr zur solidarischen Finanzierung beitragen. Und wer medizinische Hilfe braucht, muss sie unabhängig von seiner Versicherungskarte bekommen. Beides gehört zu einem gerechten Gesundheitssystem“, betont Stiedl.
Die Auseinandersetzung um die Zwei-Klassen-Medizin ist Teil der breiteren Debatte um die Zukunft des Sozialstaats. Unter dem Motto „Hart verdient!“ mobilisiert der DGB Bayern am 26. September 2026 zur Großdemonstration in Nürnberg. Im Mittelpunkt stehen ein starker Sozialstaat, Gute Arbeit und verlässliche soziale Sicherheit – von Gesundheit und Pflege über die Rente bis zur Arbeitszeit. „Ein starker Sozialstaat stellt die Menschen nicht unter Generalverdacht, sondern gibt ihnen Sicherheit – bei Krankheit, Pflegebedürftigkeit, Arbeitslosigkeit und im Alter. Genau dafür gehen wir am 26. September in Nürnberg gemeinsam auf die Straße“, so Stiedl abschließend.