Deutscher Gewerkschaftsbund

19.09.2012
Nr. 09/2012

Streitzeit: Ungerechte Bildung in Bayern

Die deutsche Bildungspolitik hat aus den PISA-Studien nichts gelernt. Der aktuelle OECD-Bildungsbericht zeigt: Das deutsche Bildungssystem ist unteres Mittelmaß. Nur jeder fünfte Schüler in Deutschland schafft es, durch Bildung sozial aufzusteigen. Kinder aus Arbeiterfamilien haben es besonders schwer – viele bleiben hinter dem Bildungsniveau ihrer Eltern zurück. Die Gründe sind zu geringe Investitionen in Bildung und ein Schulsystem, das Kinder viel zu früh in Schubladen packt.

Blinder unter den Einäugigen

Aus vielen Studien wissen wir, dass das bayerische Schulsystem Kinder aus einkommensschwachen Familien besonders benachteiligt. In keinem anderen Bundesland gibt es einen so engen Zusammenhang zwischen der sozialen Herkunft eines Kindes und seinem Schulerfolg wie bei uns. Die bayerische Bildungspolitik ist der Blinde unter den Einäugigen.

Individuelle Förderung zählt

Jedes Kind ist einzigartig, startet mit anderen Voraussetzungen und durchläuft eine eigene Entwicklung. Moderne Bildungspolitik muss daher jedes Kind individuell fördern, um gleiche Chancen zu ermöglichen. Das bayerische Bildungssystem ignoriert diese Erkenntnis. Vielmehr steht wie im letzten Jahrhundert immer noch die strikte Umsetzung des Lehrplans im Mittelpunkt. Ob die Kinder dem staatlich festgesetzten Lerntempo folgen können, interessiert dabei nicht.

Schuanmeldungen in Bayern nach Berufsstatus der Eltern

Bayerische Staatsregierung

Eltern sollen es ausbaden

Stattdessen wird den Eltern die Verantwortung zugeschoben. Sie sollen die Mängel der veralteten Bildungspolitik ausgleichen. Viele Eltern, gerade aus den unteren Einkommensschichten, können das nicht leisten. So werden gerade deren Kinder kaum gefördert und haben schlechte Chancen auf einen höheren Schulabschluss haben (s. Grafik).

Aufstieg durch Bildung

Ein gerechtes Bildungssystem muss dem Einzelnen sozialen Aufstieg ermöglichen. Wir wollen ein Schulsystem, in dem Kinder aus materiell benachteiligten Familien die gleichen Aufstiegschancen haben wie die Kinder wohlhabender Eltern. Herkunft darf niemals über die Chancen im Leben entscheiden.

Dafür müssen wir das dreigliedrige Schulsystem auflösen. Wir brauchen stattdessen eine Schule, in der alle Kinder gemeinsam lernen. Die meisten europäischen Länder machen das längst. Und gerade die skandinavischen Länder beweisen, wie erfolgreich dieses Konzept ist.

Außerdem müssen wir die gebundene Ganztagsschule flächendeckend einführen. Dort werden Schüler den ganzen Tag pädagogisch betreut.

Und sämtliche Bildungseinrichtungen von der Krippe bis zur Hochschule müssen kostenfrei werden. Denn es ist eine elementare Aufgabe des Staates sicherzustellen, dass jeder seine Potenziale ausschöpfen kann – ohne Schranken durch Herkunft und Einkommen.


Staatsregierung redet Lage schön

Beim Übertritt auf das Gymnasium geht es wenig gerecht zu. Vielmehr sind die soziale Herkunft und das Haushaltseinkommen der Eltern sowie der Wohnort maßgebliche Faktoren für den Übertritt. Entscheidend sind die Schulnoten am Ende der Grundschule. In so kurzer Zeit können Kinder aus bildungsärmeren Familien ihre schlechteren Startbedingungen aber noch gar nicht ausgeglichen haben.

Streitzeit 09/2012: Ungerechte Bildung in Bayern (PDF, 280 kB)

Nur jeder fünfte Schüler in Deutschland schafft es, durch Bildung sozial aufzusteigen. Das bayerische Schulsystem benachteiligt Kinder aus einkommensschwachen Familien besonders. Die Gründe sind zu geringe Investitionen in Bildung und ein Schulsystem, das Kinder viel zu früh in Schubladen packt.

Die bayerische Staatsregierung stellt in ihrem eigenen Sozialbericht selbst fest, dass in Bayern Kinder aus der obersten Sozialschicht eine 6,5-mal so hohe Chance haben das Gymnasium zu besuchen wie Kinder aus unteren Schichten.

Welche Schlüsse zieht die bayerische Bildungspolitik daraus? Keine. Die Staatsregierung beschränkt sich darauf, die Lage schönzureden. Dabei könnte sie gerade mit einer guten Bildungspolitik Potenziale heben, die die Wirtschaft bei einem erhöhten Fachkräftebedarf brauchen wird.


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